Das Vergabe und Vertragshandbuch des Bundes gibt bei öffentlichen Aufträgen seit Februar 2019 ein neues Einheitliches Formblatt (EFB) vor, in dem neben den Angaben zum Kalkulationslohn und den Zuschlägen für Baustellengemeinkosten und Allgemeinen Geschäftskosten der Zuschlag für Wagnis und Gewinn aufgegliedert werden muss. Unter dem Oberpunkt 2.3 (vorbestimmte Zuschläge) bzw. 3.3 (Kalkulation über die Endsumme) der Formblätter, soll jeweils ein Zuschlag für betriebsbezogenes und leistungsbezogenes Wagnis angegeben werden. Auch wenn die genannten Positionen nicht gefüllt werden, muss der Auftraggeber das Angebot (gemäß Richtlinien zu 321 Punkt 5.1.2 des Vergabehandbuchs) in die Wertung einbeziehen. Eine Aufklärung seitens des Bieters ist nicht erforderlich.

 

 

 

 

 

 

 

[Abbildung 1: Auszug EFB 221 „Angaben zur Kalkulation mit vorbestimmten Zuschlägen“]

Hintergrund der Regelung

Gemäß Abschnitt 4.8. des Leitfadens 510 zur Vergütung bei Nachträgen aus dem Vergabehandbuch ist, mit Bezug auf die Regelungen der VOB/B, der Zuschlag für Gewinn einschließlich Wagnisanteil bei Mengenänderungen sowie bei geänderten, zusätzlichen und im Nachhinein anerkannten Leistungen zu berücksichtigen. Zentral bei dieser Überlegung ist, dass mit dem Entfall oder Änderung der Leistung sich nicht nur leistungsbezogene Kosten verändern, sondern auch entsprechende Wagnisse, diese also beispielsweise bei Kündigung gem. §8 Nr. 1 Absatz 2 VOB/B als erspart angerechnet werden. Davon ausgenommen sind der Gewinn und betriebsbezogene Wagnisse, die in jedem Fall zu erstatten sind, sofern kein Ausgleich an anderer Stelle erfolgt.

Somit ist die Anpassung des Formblatts zunächst einmal rein theoretisch nachvollziehbar. Praktisch stellt sich aber die Frage, um welche Wagnisse – seien sie betriebs- oder leistungsbezogen – es sich konkret handelt und wie sie kalkulatorisch ermittelt werden. Daraus sind dann Zuschlagsätze zu bilden, die in das EFB-Blatt eingetragen werden können.

Leistungsbezogene Wagnisse

Bei leistungsbezogenen Wagnissen geht es um Risiken, die mit der Leistungserstellung direkt zusammenhängen. Dabei kann es sich zum Beispiel um eine eventuelle Preissteigerung für das Material oder um Risiken der Ausführung wie die mögliche Abweichung eines kalkulierten Zeitansatzes vom tatsächlichen Zeitbedarf handeln. Solche Risiken fließen üblicherweise in Form von „Angstzuschlägen“ in die Kalkulation der Einzelkosten oder Baustellengemeinkosten ein.

Sie lassen sich aber auch einfach anhand von zwei Rechenansätzen kalkulieren. Dabei kann entweder geschätzt werden, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Risiko eintritt, oder welcher Kostenwert zu erwarten ist und wie weit er unter Umständen nach oben oder unten abweicht:

Risikoschätzung am Beispiel Zeitansatz

Formel: Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit x Risikoausprägung

Zur Erstellung einer Pflasterfläche werden 5 Stunden Personalkosten kalkuliert: 5 h x 45,- €/h = 225 €

Aufgrund der Komplexität der Fläche könnte die Maßnahme auch eine Stunde mehr Zeit benötigen. Dies ist aber nicht sehr wahrscheinlich. Insofern wird eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 25% gewählt.

Das Risiko beträgt somit 25% x 1 h x 45,- €/h = 11,25 €

Tabelle: Pragmatische Schätzwerte für die Eintrittswahrscheinlichkeit

Formel: (Minimalwert + kalkulierter Wert + Maximalwert) / 3 – kalkulierter Wert

Üblicherweise werden Pflastersteine beim Baustofflieferanten für 8 Euro pro m² bezogen. Aufgrund des boomenden Baumarktes und der hohen Nachfrage könnte es aber sein, dass die Preise auf maximal 10,20 Euro pro Quadratmeter steigen. Mit etwas Glück wäre aber auch die Zusammenlegung mit einem weiteren Projekt möglich, sodass über die Mehrmenge und einen günstigeren Zeitpunkt minimal 6,50 Euro pro m² als Einkaufspreis erzielbar wären. Daher wird wie folgt kalkuliert:

8,00 €/m² x 40 m² = 320 €

Risiko

(10,20 €/m² + 8,00 €/m² + 6,50 €/m²) / 3 – 8,00 €/m² = 0,23 €/m²

0,23 €/m² x 40 m² = 9,20 €

Kalkulatorisch werden die ermittelten Risiken dann als Zuschlag auf die erwarteten Einzelkosten aufgeschlagen. Anhand der obigen Beispielberechnungen ergäbe sich so:

  • Leistungsbezogene Wagnisse: 11,25 € + 9,20 € = 20,45 €
  • Kalkulierte Einzelkosten: 225 € + 320 € = 545 €

Der Zuschlag für leistungsbezogene Wagnisse beträgt insofern: 20,45 € / 545 € = 3,75 %

Dieser Wert könnte dann in das EFB-Blatt unter 2.3.3 bzw. 3.3.3 eingetragen werden.

Betriebsbezogene Wagnisse

Betriebsbezogene Wagnisse sind ungleich schwerer zu berechnen. Sie ergeben sich beispielsweise aus dem allgemeinen Projektrisiko, Kundenrisiken (Akquisitionsrisiken), Personalrisiken, d.h. Kosten- und Ertragsrisiken sowie Finanzrisiken. Sie müssen je Unternehmen individuell ermittelt werden. Für die allgemeinen Projektrisiken liefert eine Datensammlung der Kullmann und Meinen GmbH branchenspezifische Anhaltspunkte [https://www.kullmann-meinen.de/HsOs/Risikomonitor/]. Für den Garten- und Landschaftsbau beträgt das typische Projektrisiko beispielsweise gut 16%. Aufgrund von Streuungseffekten reduziert sich dieses individuelle Risiko im Projektbestand vereinfacht über folgende Formel:

Betriebsbezogenes Wagnis = Anzahl der Projekte x √durchschnittliches Projektrisiko

Beispielberechnung

Für einen Betrieb mit jährlich 20 Projekten und einem durchschnittlichen Projektvolumen von 30.000 Euro ergibt sich beispielhaft:

Betriebsbezogenes Wagnis = 20 x √20%x30.000€ = 20 x 77,46 € = 1.549,- €

Bei einer Gesamtleistung von 20 x 30.000 € = 600.000 € entspricht das 0,26 %. Bezogen auf die Einzelkosten von angenommen rund 480.000 € ergibt sich so ein Zuschlag für betriebsbezogene Wagnisse von 0,32%.

Dieser Wert könnte dann im EFB-Blatt unter 2.3.2 bzw. 3.3.2 eingetragen werden. Es sollte bedacht werden, dass für die Berechnung des Gewinnzuschlags der Risikoansatz von dem bisher genutzten Zuschlag für Wagnis und Gewinn abgezogen werden sollte.

Die gezeigten Ansätze belegen, dass sich der theoretisch nachvollziehbare Wunsch der öffentlichen Hand nach einer Aufschlüsselung von Kalkulationszuschlägen, durchaus mit Leben füllen lässt. Sie helfen zudem den Betrieben bei der Einschätzung ihrer Risikosituation und liefern den Ausgangspunkt für das Risikomanagement. Grundsätzlich sollten die Zuschlagssätze jährlich anhand einer Planungsrechnung inkl. Risikobetrachtung aktualisiert werden.

[Autoren: Prof. Dr.-Ing. Heiko Meinen und Jens Kullmann]